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Als „Onkel B.“ einmal zum Ende der Predigt noch in der Weinstube saß…

Der nachfolgende Zeitungsausschnitt wurde von Dr. Ralf Mulsow entdeckt und übermittelt – Herzlichen Dank!


„Rostocker Anzeiger“ vom 26. April 1940

Eine alte Rostocker Erinnerung

Mein erstes Spiel auf der großen Orgel

von Professer W. [Willy] Arnold, Köln

Es ist jetzt über 55 Jahre her, dass ich – ein fünfzehnjähriger Bengel – sehr wieder meinen Willen einmal die große Orgel von St. Marien in Rostock fünf Minuten lang vor der Kirchengemeinde „gespielt“ habe. Ich glaube nach der Länge der Zeit mich keiner Indiskretion mehr schuldig zu machen, wenn ich heute dieses Erlebnis, das der Tragikomik nicht entbehrt, zum besten gebe, sind doch die Hauptbeteiligten längst dahingegangen, und es kann ihnen kein Schaden mehr daraus entstehen. Von der Kirchenbesuchern des Jahres 1885 aber wird sich sicher keiner mehr des Vorgangs erinnern, wenn überhaupt außer dem Herrn Pastor Brockelmann und dem Küster damals jemand etwas bemerkt hat. Was ich aber hier erzähle, ist ein durchaus wahres Erlebnis, und noch heute denke ich mit Schrecken daran, wie mir, dem Fünfzehnjährigen, damals zu Mute gewesen ist.

Meine Eltern waren im Herbst 1883 von meiner Vaterstadt Stolp nach Rostock verzogen, wo meine Mutter, eine geborene Rostockerin, Tocher des Musikdirektors Claussen, einen guten alten Freund ihrer Familie besaß, der gewiss noch heute manchen alten Rostockern in guter Erinnerung sein wird. Es war der Lehrer an der Augustenschule und Organist an der Merienkirche, Hermann Berger, fast allgemein als „Onkel Berger“ in Rostock bekannt. Diesem wurde meine weitere Ausbildung im Klavierspiel übertragen, was er nach Anhören meiner nach dreijährigem Unterricht in der Heimat erworbenen Fertigkeiten zu übernehmen sich gern bereit erklärte. Der Unterricht bei meinem liebenswerten, jovialen neuen Lehrer beschränkte sich zwar fast nur auf das Anhören von eingeübten Klavierstücken, die er mir lieh, und dem obligaten, sich stets am Schluss wiederholenden „Sehr gut, Friedrich-Wilhelm!“ So nannte er mich scherzweise, trotzdem ich eigentlich nur Willy hieß, oder „Bill“ wie unter Freunden.

Nach kurzer Zeit schon, als meine liebe Mutter an die Unterrichtsbegleichung herangehen wollte, erklärte er, dafür nehme er nichts von ihr, bei meiner Begabung mache ich es ihm sehr leicht, und er möchte sogar diese Stunden selbst nicht mehr missen. Später wollte er mich nun auch im Orgelspielen anlernen, und ich bekam zur Vorbildung das in der Augustenschule in der Langen Straße befindliche Harmonium für meine Übungen freigestellt.

Die Sonntagvormittags-Gottesdienste verbrachte ich damals fast stets bei Onkel Berger vor der Orgel in der Kirche, wo mich seine große Fertigkeit und Beherrschung dieses schwierigen und umfangreichen Werks geradezu in Begeisterung versetzte. Namentlich die Sicherheit bei der Benutzung der Bässe, die mit den Füßen gespielt werden mussten, riss mich zur Bewunderung hin. Allmählich wurde ich mit dem Verlauf des Gottesdienstes, den Einsätzen der Orgel während der Liturgie und nach der Predigt etwas vertraut. Oft schlich ich mich auch durch einen engen Gang zu den Kalkanten, wo zwei Männer die großen Blasebälge treten mussten, um in die Leitungen zu den Orgelpfeifen die Luft zu treiben. Wenn einer der riesigen Blasebälge durch ihr Körpergewicht heruntergetreten war, kletterten sie abwechselnd an den Stufen neben ihm in die Höhe, um den nächsten wieder herunterzudrücken. Elektrische Bedienung, wie heute bei der Worlitzer [?] Orgel gab es ja damals noch nicht.

Gegen schluss der Predigt, die Onkel B. auf eine mir stets rätselhaft gebliebene Weise vorauszumerken schien, zog er dann am Kalkantnzuge, worauf die beiden Männer sofort ihre Tätigkeit begannen. Es war mir schon geläufig, dass nach dem Amen der Preidigt die Orgel mit aller Kraft den Choral „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr“ intonierte. Da hier im Gegensatz zu der Gewohnheit in meiner Heimat dieser Choral anstatt im 4/4-Takt im 3/4-Takt gesungen wurde, hatt ich mir auf dem Harmonium gerade diesen fest eingeübt, ein Umstand, der, wie sich glücklicherweise zeigen wird, die nun im folgenden zu schildernde Lage rettete.

An einem bitterkalten Sonntag vormittag war ich wie fast immer oben auf der Orgel bei meinem geliebten Lehrer. Er pflegte meistens während der Predigt in seinem dicken Pelz ein Nickerchen zu machen, aber beim Amen fuhr er jedesmal jäh empor und stürzte zum Kalkantenzug, sich gleichzeitig auf seinen Sitz vor der Tastatur schwingend, und dann setzte auch gleich nach ein paar Sekunden der schöne Choral mit Macht ein, das Kirchenschiff durchhallend. An diesem Morgen aber, der mir fast die Finger verklammte, gab mir Onkel B. den Auftrag, gut aufzupassen und sofot nach dem Amen den Kalkantenzug zu ziehen, er wolle schnell mal rüber nach der Haenschen Weinstube, sich etwas aufzuwärmen. Die Predigt dauerte meistens 3/4 Stunden, und er würde zur rechten Zeit zurück sein.

Und nun kam das Verhängnis! Die Predigt war diesmal etwas kürzer, und zu meinem Entsetzen erklang plötzlich von unten herauf das Amen von der Kanzel, mein guter, alter Onkel B. aber war noch nicht zurückgekehrt. Ich starrte über die Brüstung in das Kirchenschiff hinunter, nachdem ich zunächst zum Kalkantenzug gestürzt war und diesen heftig in Bewegung gesetzt hatte. Einige Köpfe wandten sich schon erstaunt nach oben, die den Einsatz der Orgel vermissten. Was tun, um Gotteswillen? Der Schweiss brach mir trotz der Kälte aus den Poren, und instinktiv stürzte ich mich auf den Sessel vor der Tastatur, noch soviel Geistesgegenwart aufbringend, wenigstens die Bässekoppel herauszureißen, denn mit meinen 15jährigen Beinen reichte ich ja gar nicht zu den Fußstimmen herab, abgesehen davon, dass mir jegliche Übung mit den Füßen fehlte. Und nun begann ich verzweifelt den Choral zu intonieren – und siehe da – es ging mit Anspannung aller Aufmerksamkeit. Doch der Choral näherte sich nun seinem Ende, und dann musste der Exitus einsetzen, mit allen großen Bässen, wie ich wusste. Schauer des Entsetzens liefen mir über den Leib. Dazu war ich völlig außerstande.

Gottlob stürzte aber nun der berufene, mit Banken erwartete rechtmäßige Vertreter, den die Orgelklänge in wahnsinniger Hast vom wärmenden Haenschen Burgunder die lange Treppe zum chor hinaufgetrieben hatte, zur Tür herein, schob mich mit einem mächtigen uck von dem Sessel, so dass ich seitwärts herunterpurzelte, und führte im letzten, aber auch allerletzten Augenblick, sofort die richtigen Tasten findend, meinen Choral zu Ende. Ich brach völlig zusammen. Es war die allerhöchste Zeit gewesen. Was sonst passiert wäre, vermochte ich gar nicht auszudenken. Natürlich hatte Pastor Br. etwas gemerkt. Mein guter trunkfester Onkel B. klopfte mir zwar, nachdem alles glücklich vorüber war, nicht ohne sich seinerseits ebenfalls den Angstschweiß nach dem überstandenen Schreck von der Stirn zu wischen, auf die Schulter mit den Worten: „Das hast du gut gemacht, Friedrich-Wilhelm!“ Er hatte schon seinen alten Humor wiedergefunden. Das Nachspiel kam natürlich in einer ernsten Verwarnung durch den Herrn Pastor vor etwaigen Wiederholungen, aber Onkel Berger fand auch hier den Ausweg, indem er sich mit der ausnahmsweise kurzen Predigt entschuldigte, und dass er gerade ein leibliches Bedürfnis habe verrichten müssen.

Scan des Originals:

Hermann Berger, Organist an St. Marien von 1872-1899. Berger trug den Titel „Großherzoglicher Musikdirektor“. Diese Ehre war unter Großherzog Friedrich Franz II. mehreren Musikern, darunter auch Organisten, zuteil geworden.
Berger stellte die erste Tafel der auf der Orgelempore angebrachten Organistenchronik zusammen.
Von ihm sind Ablaufbeschreibungen des Gottesdienstes samt zugehöriger Orgelnoten erhalten, außerdem bewahrte er den von seinem Vorgänger J. H. C. Zerk der Marienkirche vermachten Notenbestand.
Das Lexikon „Wer war wer in Mecklenburg-Vorpommern“ von Grete Grewolls schreibt außerdem zu Berger:
geboren 1823 in Berlin, gestorben am 4. 11. 1909 in Berlin, Förderer des Seidenbaus in Mecklenburg, Mitglied des Vereins für Rostocks Altertümer, verfasste 1899 „Der Komponist Daniel Friderici“ (ehemals Kantor an St. Marien) für die „Beiträge zur Gschichte der Stadt Rostock.“

Welche über die organistische Anekdote hinausgehenden Details erfahren wir aus dieser kleinen Geschichte aus dem Jahr 1885?

Hermann Berger scheint in weiteren Kreisen geschätzt worden zu sein, und das auf der Orgelempore aufgehängte Foto illustriert seine beschriebenen Eigenschaften Bergers durchaus. Respekt hatte er vor seinen Vorgängern (er richtete die Chronik-Tafel ein) und auch vor den Nachfolgern, überließ er ihnen doch einen seinerseits ererbten großen Bestand an Orgelnoten. Auch das Instrument liebte er, wie ein von ihm erhaltener Bericht vom 24. März 1899 zeigt:

„Da seit 1897 im Innern der Orgel keine besondere Veränderung vorgenommen worden ist, so beziehe ich mich auf den Bericht von 1897 und hebe nur hervor, daß sich in der Orgel seit einigen Jahren durch die Einrichtung der Heizung, wie durch die Neugestaltung der großen Kirchenfenster reichlich abgelagerter Staub nur noch vermehrt hat.

Reinigung durch Börger erforderlich. Schonende und vorsichtige Behandlung bis dahin. Ärmchen im Oberwerk defekt die größtenteils vom Wurm / Käferchen angefressen sind.

Eine gründliche Reinigung und stellenweise Reparierung würde das herrliche Orgel Werk sehr lange Zeit unter kunstfertiger Handhabe und Behandlung konservieren [?].“

Der Zeitungsartikel beantwortet auch die oft gestellte Frage nach der Anzahl der Kalkanten. Zwei haben also genügt, eine Jahresrechnung aus dem 19. Jhdt. nennt auch nur drei Namen insgesamt. Die Bälge wurden aber nicht niedergedrückt, sondern nur die Tritte, welche über Umlenkungen die Balgoberplatten anhoben. Die Anlage> ist in den Grundzügen noch erkennbar, auch wenn in der untersten Ebene 1905 Magazinbälge eingebaut wurden.

Die Kälte in der Kirche ist heute noch Thema, im Jahr 2009 wurden im Dezember -4° Celsius erreicht.

Ein 15jähriger von durchschnittlicher Körpergröße erreicht heute recht problemlos eine Pedalklaviatur, um 1885 war dies anscheinend noch eine Ausnahme. Die erwähnte Bässekoppel macht allerdings stutzig. Es liest sich, als würde sie tatsächlich den echten Pedalgebrauch weitgehend erübrigen, wie eine Koppel Pedal/I (statt umgekehrt). Hier liegt eventuell eine ungenaue Erinnerung (an bestimmte Register oder ein Sperrventil) vor, oder der Autor wollte einen Begriff benutzen, der dem Laien leichter zugänglich war, wie man auch an der Kalkanten-Schilderung erkennen kann.

Die erwähnte Haensche Weinstube ist im Adresssbuch von 1910 als Haensch Carl, Hofweinhändler, Weingroßhandlung, Burgwall 48/49 geführt. Ein sportlicher Mensch könnte von der Tür dieses etwas nördlich der Kirche gelegenen Hauses in zwei Minuten an der Orgel sein. Alternativ zur Weinstube scheint „Onkel B.“ meist ein Nickerchen zur Predigt gemacht zu haben…

Die Predigt selbst ist heute deutlich kürzer, aber auch Teil des Hauptgottesdienstes. Sollte die Schilderung zutreffen, dass auf die Predigt das Lied „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ und (bald) danach das Orgelnachspiel folgt, muss eine stark vereinfachte, auf die Predigt fokussierte Liturgie genutzt worden sein.

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