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Blick aus dem Südschiff Richtung Nordwest

Die Restaurierung der Großen Orgel der Rostocker Marienkirche

Ein 27 Meter hohes Gesamtkunstwerk

Die Rostocker Marienkirche weist unter den großen Backsteinkirchen des Ostseeraums einen bemerkenswerten Kontrast zwischen gotischer Architektur und reicher barocker Ausstattung auf. Im Jahr 1751 wurde im Westen des Hauptschiffs der Kirche eine prächtige Loge für Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg errichtet. Bald darauf, im Jahr 1770, vollendete der Rostocker Orgelbauer Paul Schmidt eines der damals größten Instrumente Mitteleuropas. Es entstand ein faszinierendes, rund 27 Meter hohes Gesamtkunstwerk.

Eine unglückliche Biographie

Während das Äußere von Fürstenloge und Orgel stets die Besucher der Kirche beeindruckte und heute nur einer intensiven Reinigung und Sicherung bedarf, litt das technische Innere des Instruments von Anfang an unter konzeptionellen Fehlern. Mehrere Umbauten und Eingriffe versuchten Abhilfe zu schaffen, doch nicht immer mit glücklicher Hand und öfter noch in Zeiten materieller Not. So wurden in der falschen Hoffnung auf einen bald nach Kriegsende möglichen Umbau im Jahr 1917 über 3.000 Pfeifen der „Metallspende“ für die Rüstungsindustrie geopfert. Die Wiederherstellung des Instruments erfolgte dann erst im Jahr 1938, als erneut Buntmetalle für die im Hintergrund laufenden Kriegsvorbereitungen rationiert waren. Reparaturen in den Jahren der DDR litten ebenfalls unter Einschränkungen, dazu kam der reichliche Eintrag von giftigen Holzschutzmitteln.

Das Projekt der Orgelrestaurierung verfolgt das Ziel, dem Äußeren von Orgel und Fürstenloge wieder den alten Glanz zu verleihen und die klanglich wie technisch unbefriedigende Situation des Musikinstruments nachhaltig zu verbessern.

Der Bestand

Die Fürstenloge ist neben ihrem Pendant in der Ludwigsluster Schloßkirche der eindrucksvollste Herrschersitz aus barocker Zeit in einer Kirche. Erhalten sind neben den Strukturen und Schnitzereien aus Holz Elemente aus Pappmaché, barocke Fenster und sogar der originale Teppich. Die Orgelfassade ist geprägt von olivgrünen Tönen der an vielen Stellen der Kirche aufgebrachten Farbfassung der 1840er-Jahre, die Vergoldungen stammen noch von 1770. Acht große Skulpturen sind in Gestalt von Engeln, teilweise Trompete blasend, gearbeitet.

Im Inneren der Orgel finden wir einen gewachsenen Zustand vor: 5.700 Pfeifen in 83 Registern stammen überwiegend aus dem Jahr 1938, einige Register aus den Jahren 1983 und 1907, nur wenige sind noch älter. Die technische Anlage besteht aus Material aus den Jahren 1793, 1905-07, 1938 und 1983. Die Arbeiten von 1938 wurden innerhalb der Begrenzungen der Buntmetall-Rationierung ausgeführt, viele im technischen Teil der Orgel vorfindliche Situationen deuten auf einen sehr hastig ausgeführten Umbau hin. Konnte Sauer wenige Jahre zuvor (1931) in der Güstrower Pfarrkirche eine heute noch erhaltene, gediegene Orgel (ebenfalls hinter einer Fassade von Schmidt) errichten, so ist am Rostocker Instrument von der hohen Reputation der Firma Sauer nur mehr wenig wahrzunehmen. Geringfügige Veränderungen im Jahr 1983 brachten nur geringe Verbesserungen.

Ein Anfang ist gemacht

Eine umfassend besetzte Expertenkommission hat mit den den Planungen der Maßnahmen begonnen. Die vielen nötigen Voruntersuchungen konnten durch den örtlichen Kirchenmusik-Förderverein ermöglicht werden. Nach drei Jahrzehnten baulicher Sicherungsmaßnahmen an St. Marien konnte mit der 2016 abgeschlossenen Restaurierung der Kanzel (1574/1723) ein wesentliches Kunstwerk wieder hergestellt werden. Orgel und Fürstenloge sollen der nächste Meilenstein sein.

Zeitachse

2000

  • Einladung an fünf Orgelbaubetriebe zur Untersuchung des Instruments und Abgabe von Konzepten auf Initiative von KMD Joachim Vetter
  • Vorschläge zu Neubauten im historischen Gehäuse ohne oder mit geringer Einbeziehung vorhandener Substanz, in einem Fall historisierender Neubau nach Marx 1793 unter Einbeziehung erhaltener Substanz – keinerlei konkrete Umsetzung

2006

  • Kirchengemeinde nennt in der Stellenausschreibung zur Nachbesetzung von KMD Joachim Vetter die fachliche Befähigung zur Begleitung eines Orgelbauvorhabens als Anforderung

2007

  • Abschluss der Sanierung des Hochgewölbes, Orgel wird ausgereinigt
  • Erstmals seit Jahrzehnten geschlossene Gebäudehülle, Ende größeren Staubeintrags, unter diesen Bedingungen etwas verbesserter Orgelklang
  • Karl-Bernhardin Kropf tritt Nachfolge von KMD Joachim Vetter an – er verfügt über ausgeprägtes Interesse am Orgelbau und spezielle Schulung.
    In den nächsten Jahren Beseitigung einiger lange geduldeter kleinerer Mängel im Instrument

2009

  • Veröffentlichung einer CD mit dem aufgefrischten klanglichen Zustand
  • Kirchengemeinde lädt Orgelbauer und Sachverständige zu einem Symposium – Intensive Diskussion von Potential und Unzulänglichkeit des Instruments, Anerkennung einiger Qualitäten, immer noch skeptische Grundstimmung

2012

  • Gründung des Fördervereins für Kirchenmusik in der Kirchengemeinde
  • In den Jahren seit 2009 viele Fachbesucher an der Orgel, Gespräche mit dem Organisten, zunehmendes Interesse am Potential des Instruments und Optimismus für Restaurierung

2017

  • Übergabe einer speziell entworfenen Truhenorgel durch den Förderverein, auch bereits gedacht als Ersatzinstrument für die Dauer von Arbeiten an der Großen Orgel
  • Diese Orgel wurde in drei Jahren Vereinsarbeit aus Kleinspenden und Patenschaften finanziert, im Anschluss Bekundung des Fördervereins, die Restaurierung der Großen Orgel vorzubereiten
  • Kirchengemeinde schichtet Gelder um, damit Erkundungsarbeiten für die Orgelrestaurierung möglich werden

2018

  • Gründung einer Orgelkommission
  • Verzögerungen durch nötige Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt betreffend Umfang und Art der Voruntersuchungen

2019

  • Beauftragung von Gutachten, Aufmessung und historischer Erkundung der Oberflächen, der Orgelempore (incl. Fürstenempore darunter) und der inneren Struktur des Instruments. Die Geschichte der orgelbaulichen Teile ab 1793 ist relativ gut dokumentiert.
  • Im Rahmen des Bach-Festes im Mai 2019 letztes eintrittspflichtiges Konzert der Orgel vor Beginn der Restaurierungsmaßnahmen (unabhängig vom tatsächlichen Beginn derselben)

2020

  • Laservermessung der Orgel, Akustische Untersuchung
  • Verzögerungen aufgrund der Corona-Problematik

2021

  • Dokumentation der Farbfassung von Orgel, Orgelempore und darunterliegender Fürstenloge.
  • Vergrößerung der Orgelkommission im Rahmen der neuen Bauordnungen der Nordkirche, erste Beschränkung der möglichen Richtungen des Projekts mit Ausschluss einer historisierender Rekonstruktion (Zustand um 1780) oder reinen Restaurierung des aktuellen Bestandes (1907, 1938, 1983)

2022

  • Ausarbeitung eines Konzepts für die Renovierung und Umgestaltung der Marien-Orgel, denkmalpflegerische Abstimmungen
  • Vorbereitung eines beschränkten Wettbewerbs unter ausgewählten Orgelbaubetrieben zur Untersuchung der Machbarkeit, zur Entwicklung neuer Ideen und zur Feststellung des Finanzbedarfs

Diese Seite versammelt Beiträge zum Thema Restaurierung.
Die Notwendigkeit einer Restaurierung wird anhand jenes Materials dargestellt, das im Bereich Dokumentation> präsentiert wird.
Genauere Darstellungen der Geschichte von Kirche und Orgel finden Sie hier>.

Dritte Sitzung der erweiterten Orgelkommission

Am 18. August 2022 traf sich die Orgelkommission zum dritten Mal im Plenum. Seit der Sitzung vom 24. März gab es Beratungen im kleineren Kreis der Orgelsachverständigen und Organisten. Das am 24. März in Grundzügen bestätigte erste Konzept (siehe den Bericht zur zweiten Sitzung>) war zwischenzeitlich weiter ausgearbeitet worden und wurde abschließend diskutiert. Beschlossen wurde…

Zweite Sitzung der erweiterten Orgelkommission

Am 24. März 2022 trat die erweiterte Orgelkommission erneut zusammen und beschloss die grundlegende Konzeption der Erneuerung der Marien-Orgel

Erweiterung der Orgelkommission

Am 29. September 2021 hat in Rostock erstmals eine erweiterte  Orgelkommission getagt. Dies wurde möglich und erschien sinnvoll auf der Basis der im Jahr 2020 verabschiedeten Kirchbaurechtsverordnung (§ 16)  und des ebenfalls 2020 verabschiedete Kirchbaugesetzes (§ 17). Da das Baudezernat einverstanden war, die bisherige Orgelkommission zu integrieren, ist ein relativ großer Personenkreis entstanden, der auch…

Restauratorische Voruntersuchung abgeschlossen

Von Mai bis Oktober 2021 hat Restaurator Bastian Hacker Untersuchungen an den Farbfassungen von Orgel, Orgelempore und Fürstenloge durchgeführt, um Entscheidungsgrundlagen für die Restaurierung der Oberflächen zu schaffen. An zahlreichen Stellen wurde die unter der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Sichtfassung liegende bauzeitliche Fassung freigelegt, auch wurde eine Probefläche für eine Reinigung der Sichtfassung geschaffen.…

Bericht zum Kolloquium 2009 erschienen

Der Bericht über das Kolloquium 2009 ist erschienen. Er enthält auch Nachrichten über seit damals erworbene Erkenntnisse.

Der „Janke-Akkord“

In der Folge des 2009 abgehaltenen Kolloquiums zur Zukunft der Rostocker Marien-Orgel stand die Frage im Raum, welches Intonationspotential die Pfeifen des Baujahres 1938 noch hätten, da darüber Einmütigkeit bestand, dass dieses wohl noch nicht ausgereizt war. Zu Jahresbeginn 2012 wurde der anerkannte Intonateur Reiner Janke, Mitarbeiter der Firma "Freiburger Orgelbau", zu einer Besichtigung der…

Akustische Untersuchung der Orgel-Situation

Im Zuge der Vorbereitungen der Orgelrestaurierung schien eine klangliche Beurteilung der unterschiedlichen Positionen von Pfeifenwerk im Bereich des Orgelgehäuses zielführend

Digitale Aufmessung der Marien-Orgel abgeschlossen

Im ersten Halbjahr 2020 wurde die Orgel außen und innen per Laser messtechnisch erfasst

Drittes Treffen der Orgelkommission

Am 11. März 2020 trat die Orgelkommission zum dritten Mal zusammen.

Vor 10 Jahren: Kolloquium zur Zukunft der Orgel von St. Marien

Im November 2009 lud der Organist der Rostocker Marienkirche, Karl-Bernhardin Kropf, im Namen der Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde zu einem Kolloquium ein, welches die Zukunft der Orgel der Marienkirche behandeln sollte. Kropf hatte 2007 die Stelle des Kirchenmusikers an St. Marien angetreten. Bereits sein Vorgänger, KMD Joachim Vetter, hatte ab ca. 2000 einzelne fachliche Stellungnahmen von Orgelbauern…

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